Spuren hinterlassen – na und?

Wen kümmert denn nun wirklich mein digitaler Fingerabdruck?

Gedanken zu einem Thema der Netzkultur: Transparenz

Heute twittern, morgen googeln, übermorgen holt mich der Verfassungsschutz?

Oder die Mafia, noch besser. Alle haben gegen mich etwas in der Hand, sei es, weil sie meine Meinung zum Marihuanakonsum vor 20 Jahren rausgoogeln, sei es weil der allmaechtige boese Pate jetzt weiss, wie sehr ich meine Tochter lieb habe, und alles aber auch alles gegen mich verwendet werden kann. Tja, du Internet-Pionier, das hast Du jetzt von Deiner revolutionaeren Freizügigkeit, die im letzten Jahrtausend noch “in” war: Deine Daten werden vorratsgespeichert, Dein vom Staatstrojaner fast legal infizierter Rechner sendet Screenshots Deines Arbeitsplatzes im Minutentakt, und unglücklicherweise hast Du das GPs auf dem Handy angelassen, als Du beim letzten Mal heimlich am Strand in die Duenen gepinkelt hast.

Wenn Du jetzt nicht begreifst, wie wichtig es ist, die Netiquette der Oberflächlichkeit ueber Dein Internet-Surfboard zu streifen, nimmt es mit Dir noch ein schlimmes Ende.

Noch nie in der Geschichte war es fuer den Kleinen Mann von nebenan so einfach, sich wichtig zu fuehlen. Noch nie waren meine Daten so wertvoll wie heute.
Allein schon aufgrund der technischen Möglichkeiten, mich durchsichtig zu machen, stürzt sich nun die ganze Welt auf meine aufsehen erregende Vita. Ich muss mich fragen, ob mein Bildschirmhintergrund mich hinter Gitter bringen wird, weil dort meine 5 Jahre alte Nichte unten ohne abgebildet ist. Und ob die CD, die mir der Nachbar gestern gebrannt hat, schwer bewaffnete GEMA-Extremisten bis an meine Haustüre bringen wird. Mann, bin ich im Fokus!

Aber ich kann mich ja schuetzen:
Navi aus dem Auto und den Handy-Apps verbannen.
Neue Software installieren? Zur Vorsicht wird vorher der Router kalt gestellt.
Und auf dem Bahnhofsklo pfeife ich nur noch selbst komponierte Lieder, man weiss ja nie… .

Dies ist keine Netzrealitaet.
Das ist die Vison derer, die nur die Spielregeln der TV-Generation kennen und die Eigendynamik der Cyberkultur nicht konsequent durchdenken.
Zugegeben: Wer einen Bankraub via facebook plant, muss sich wahrlich nicht wundern, wenn er hochgenommen wird, obwohl er seine Settings doch extra auf streng privat eingestellt hatte.

Aber Du und ich und unsere Spuren im Netz, sind wir wirklich so einzigartig? Wo doch – mittlerweile – täglich so viele Millionen von Bildern und Blogs, Tweeds und links auf den Servern weltweit gespeichert werden, dass facebook jetzt ein paar Fabrikhallen in Nordschweden anmieten muss (vor allem, da dort knapp unterhalb des Polarkreises der Energieaufwand zum Kühlen der Mega-Rechner deutlich geringer ist).

Stellt Euch vor es ist Transparenz und keinen juckts.
Angst vorm Bewerbungsgespräch wegen Deiner Spuren im Netz? Warum, wenn doch der Personalleiter und der Vorstandsvorsitzende und der Big Boss ihre Jugendsünden im Netz ebenfalls nicht verwischen koennen? Wenn die Welt bemerkt, dass wir einige Milliarden ganz normale Menschen sind? Wenn die Hempels unterm Sofa genausoviel Staub angesammelt haben wie der Herr im Schloss Bellevue?

Es ist gut, wenn die Bankräuber dieser Welt sich weiterhin in episch verrauchten Kellergeschossen treffen muessen, wohl hoffend, dass das FBI nicht versehentlich ueber eine StreetView-Aufnahme vom Hintereingang stolpert. Aber da die Mehrzahl von uns keinen Bankraub plant, sei es erlaubt, sich ueber den Sinn und Unsinn der Panikmache vor der Transparenz ein paar Gedanken zu machen.

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