“Daumen hoch” für die Schwarm-Intelligenz?

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Zugegeben: Das oberflächliche “Friede, Freude, Eierkuchen” – Gehabe in vielen Freundeskreisen, virtuell oder in der Familie und in der Kneipe um die Ecke, hat mich schon immer abgeschreckt. Vor allem dann, wenn gleichzeitig hintenrum über die angeblichen Freunde nach Herzenslust gelästert wird. Wenn das friedliche, kollegiale Miteinander nur deshalb gepflegt wird, weil man nicht die Chuzpe hat, Konflikte direkt und offen auszutragen. Oder weil die Kritikunfähigkeit vieler Mitmenschen einem das offene Wort gründlich verleidet.

Dennoch ist es absolut verständlich, dass soziale Netzwerke, allen voran facebook, zwar einen “gefällt mir”-Knopf besitzen, das kritische Gegenstück aber trotz millionenfachen Wunsches nicht einführen.

Schauen wir uns im Internet einmal genauer um: In zahllosen Foren werden Gedanken und Meinungen ausgetauscht. Zu einem grossen Teil anonym kann da nach Herzenslust diskutiert, gestritten, aber auch beleidigt und beschimpft werden. Ein Marktplatz der Höflichkeiten sind viele Foren jedenfalls nicht. Zu leicht fällt es, daheim am Schreibtisch seinen Alltagsfrust durch den Affront gegen Andersdenkende etwas abzubauen.

Ein Sprichwort behauptet, dass sich intelligente Geister über Ideen unterhalten, der durchschnittliche Mensch sich über Ereignisse austauscht und die breite, dümmliche Basis lediglich über Personen. Getreu nach diesem Grundsatz wird von den Mitgliedern der erwähnten Foren, der sozialen Netzwerke und so fort häufig unsachlich und beschämend einfältig über denjenigen mit der anderen Meinung hergezogen. A gibt seinen Sermon zur politischen Stimmung kund und B, dem dies nicht gefällt, beschimpft A, abgeschirmt durch die Anonymität von Pseudonymen und durch die räumliche Distanz, unter der Gürtellinie. Das Resultat sind “threads”, die schon nach der dritten Zeile getrost geschlossen werden könnten, weil sie nichts mehr zur Sache und nur noch etwas zur Person aussagen. Solche lächerlichen Schlammschlachten sind dann das Aushängeschild unserer Informationsgesellschaft? Herrje, wenn auf Datenautobahnen doch Mauthäuschen für Mülltransporter eingeführt werden könnten… .

Viele mitteilungsbedürftige Internet-Nutzer haben sich daher schon lange aus den communities zurückgezogen, weil es ihnen zu bunt wird, allzu schnell Fragen nach den Eiern in ihrer Hose beantworten zu müssen, wenn sie sich doch eigentlich angeregt und zumindest mit einem Basisniveau über Frühstückseier aus Massentierhaltung unterhalten wollten.

Wenn facebook und co. auf den “dislike-button” verzichten, dann deshalb, weil sie nicht den Millionen von Stammtischrhetorikern auch noch Hilfe dabei leisten wollen, ihren nichtssagenden unsachlichen Dreck über denjenigen auszuschütten, die wenigstens noch versuchen, das Netz mit Daten zu füttern, die von allgemeinem Interesse sein könnten. Zum Konsens benötigt man nämlich zwei Parteien, für Nonsense reicht schon ein Idiot.

Kritiker bemängeln durchaus mit Recht, dass im Netz allzu schnell und ohne nachzudenken auf „Daumen hoch“ geklickt wird, dass bedenkenlos Inhalte geteilt werden und sich Fehlinformationen oder schlichter bullshit dadurch massenhaft verbreiten. Und dass sich diese vielklickenden Lemminge dann auch noch selbstgefällig als Mitglieder einer „Schwarmintelligenz“ wähnen, weil sie durch ihren schlauen Klick dabei helfen würden, die Tierquälerei in Südwest-Neuguinea einzudämmen oder auf die Augenkrankheiten der Kayapo-Indios im brasilianischen Regenwald hinzuweisen. Aber dieses Phänomen ist eben eine Ausgeburt des Informationszeitalters und immer noch sinnvoller als die niveaulosen Rundumschläge neurotischer Einfaltspinsel, die kreative Prozesse und Meinungsverschiedenheiten durch plumpe Anmache im Keim ersticken.

Fahren wir also bitte munter fort, zu „liken“. Und wenn auch nur ein Prozent der gefällt-mir-Fraktion vor oder nach dem Klick auf den Daumen ein klein wenig über wirkliche Hintergründe zum entsprechenden Thema recherchiert, kann sich der Schwarm tatsächlich ein Stück wertvollen Inhalt einverleiben.

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